Frosted Windows

Fenster ohne Durchblick
Fenster ohne Durchblick

Dem ein oder anderen treuen Leser mag es aufgefallen sein: die letzten Wochen war es erstaunlich ruhig auf unserer Homepage. Quasi totenstill. Ironischerweise genau aus dem Grund, dass es in unserem First Live* umso mehr zur Sache gegangen ist und sprichwörtlich der Bär gesteppt hat…

Hmmm, interessanter Ansatz um jetzt eine philosophische Diskussion über die Korrelation von tatsächlicher Realität (bzw. das, was unser Hirn aus den Reizen, die von der Außenwelt auf uns einströmen, macht) und virtueller Realität (was auch immer das genau sein mag) zu beginnen. Aber bevor ich jetzt völlig ins metaphysische Abschweife erzähle ich doch lieber ein bischen was über unser Leben in den letzten Wochen. ;-)

 

Also, angefangen hat es damit, dass wir uns in unserer Wohnung am Meer (siehe gleichnamiger Eintrag) eigentlich ganz gut eingelebt und genau den Zustand erreicht hatten, wo eine kleine Stimme im Hinterkopf (bei mir ist es übrigens nur eine von vielen Stimmen ;-) angefangen hat sich zu melden. Was sie zu sagen hatte war Folgendes: “Sooo, schön und gut hier. Um genau zu sein sogar sehr schön und sehr gut. ABER: Das ist hier eine möblierte Wohnung auf Basis eines Kurzzeitmietvertrages. Ihr wisst jetzt schon nicht mehr, wo ihr die ganze Schokolade unterkriegen sollt, und wenn Anfang nächsten Jahres eure Container ankommt, na dann ist endgültig Land unter. ALSO: Auf, auf! An die Wohnungssuche! Und übrigens nebenbei auch mal nicht vergessen, dass ihr hier auch Anschluss sucht, d.h. bitte mal den ein oder anderen Abend und Sams- oder Sonntage für soziale Aktivitäten frei halten!”

 

Und da diese Stimme zwar leise, aber eben auch penetrant ist, haben wir in den letzten Wochen genau das getan, was sie uns gesagt hat…

 

Bei der Wohnungssuche in Melbourne muss man zunächst eine Entscheidung treffen: Nord oder Süd. Der Yarra River teilt Melbourne nämlich in zwei Glaubensbekenntnisse und ist man erst einem verfallen, fällt es recht schwer ins andere zu wechseln. Was uns zu Beginn unserer Wohnunssuche nicht richtig bewusst war, war die Tatsache, dass wir bereits Gläubige waren: Süden! Im Süden sind wir und im Süden bleiben wir! Der Norden ist zwar auch total schön und wir sind gerne dort, er ist aber eben nicht der Süden. Hat uns einiges an Zeit gekostet, herauszufinden was das eigentliche Problem an den durchaus niedlichen Wohnungen war, die wir uns im Norden angeschaut haben. ;-)

 

Der zweite Geistesprozess, den man danach durchlaufen muss, ist eine innere Einstellung zu den Mietpreisen in Melbourne zu finden. Im Wesentlichen ist das die Frage, ob man bereit ist viel zu viel zu bezahlen oder aber absolut viel zu viel. Ein durchaus schmerzhafter Prozess, vor allem wenn man nahezu als erstes eine Traumwohnung besichtigt, die in die Kategorie “Naja, knapp, aber dann eben doch absolut viel zu viel” fällt und an der man in den Folgewochen dann alle anderen Wohnung misst und feststellen muss, dass das meiste andere auch noch viel zu viel kostet, dafür dann aber auch viel schlechter ist…

 

Wenn man auch diesen zweiten Geistesprozess durchlaufen hat, dann muss man sich lediglich noch mit den für einen Deutschen doch sehr interessanten Eigenheiten der australischen Mietkultur auseinenader setzen… (Nein, in Australien ist nicht ALLES besser. Ja, die Australier sind in mancherlei Beziehung auch sehr merkwürdig. Und ja, wir sind trotzdem total froh hier zu sein. ;-)

 

Hier ein paar unserer Lieblingserkenntnisse:

 

1. Das berühmte australische Motto “No worries” scheint sich in allererster Linie auf den Zustand von Mietwohnungen zu beziehen. Das bedeutet konkret, dass eine Wohnung entweder Erstbezug (und damit in sehr gutem Zustand) oder aber dermaßen verwohnt ist, dass schon der Besichtigungstermin eine Zumutung ist. Dazwischen gibt es nicht viel…

 

2. Renovieren darf in Australien nur der Besitzer, als Mieter ist es einem nicht erlaubt, die Wohnung zu streichen oder ähnliches. In Kombination mit Punkt 1 schränkt das die Auswahl der Wohnungen extrem ein, vor allem, weil auch die Besitzer von Mietwohnungen, was deren Zustand anbelangt, im Wesentlichen das Motto “No worries” verfolgen.

 

3. Obwohl sich die Mietwohnungsbesitzer um sonst nicht viel worrien, haben sie dann doch ein Problem mit Nägeln in der Wand. Man darf ohne ausdrückliche, schriftliche Genehmigung (die man meist nicht erhält) keine Bilder aufhängen. Dies steigert die Bedeutung des Zustandes der Wände (siehe Punkt 1 und 2) nochmal enorm.

 

4. In Australien geht es bei einer Wohnung nie um die Größe, sondern immr nur um die Anzahl der Schlaf- und Badezimmer. Wenn eine Wohnung zwei statt einem Schlafzimmer hat, dann kann man sie trotz gleicher Quadratmeterzahl gleich für die Hälfte mehr vermieten. Da daher versucht wird, auf möglichst kleinem Raum möglichst viele Zimmer unterzubringen, führt das oftmals zu sehr skurilen Wohnungszuschnitten.

 

5. “No worries” ist übrigens auch das Motto, wenn es um Wohnungsanzeigen im Internet geht. Die Fotos dort sind oftmals entweder uralt, zeigen die Wohnungen also in dem Zustand als sie gerade ganz neu waren (was im Zusammenspiel mit Punkt 1 und 2 eine gewisse Bedeutung hat…), oder aber sie zeigen irgendeine Wohnung, z.B. das Penthouse mit Dachgarten, obwohl nur das Pförtnerhäuschen im gleichen Gebäude zur Vermietung steht.

 

6. Teilweise haben die Australier dann auch skurile Ideen, was ihre Architektur anbelangt. So haben wir in einem Gebäude (wohlgemerkt Neubau) Wohnungen besichtigt, wo das einzige Fenster des Schlafzimmers zum allgemeinen Flur hinaus geht, also dorthin, wo die Nachbarn vorbeilaufen müssen, wenn sie zu ihrer Wohnung kommen wollen.

 

7. Architektonische Meisterleistungen wie unter Punkt 6 genannt erscheinen dann noch einmal seltsamer, wenn wir zu unserem Lieblingspunkt kommen: Frosted Windows! In Australien (oder aber zumindest in Melbourne) gibt es ein Gesetz, dass bei neuen Wohnungen alle Scheiben und Balkonbegrenzungen bis zu einer Höhe von 1,80 m aus Milchglas (oder anderen undurchsichtigen Materialien) bestehen müssen, wenn ein Nachbarhaus weniger als x Meter (wir wissen nicht genau wieviel) entfernt steht. Sinn ist wohl, dass man Nachbarn nicht in den Garten oder die Wohnung schauen können soll. In der Praxis ist das vielfach völlig unsinnig, weil es zwar Nachbargebäude gibt, man aber dort wie bei uns z.B. nur von oben auf die Dächer schaun kann. Das führt aber dazu, dass wir teilweise die schönsten Wohnungen und Balkone gesehen haben, uns aber total eingesperrt gefühlt haben, weil man NIRGENDWO rausgucken konnte!

 

Und ja, auch wir haben in unserer neuen Wohnugn drei Frosted Windows, dafür aber eine grosse freie Fensterfront im Wohnzimmer…

 

Genau, viele Wochen-Suchen später haben wir unsere zukünftige Wohnung gefunden, und konnten damit anfangen uns neu einzurichten.

Gar nicht so einfach, wenn man tatsächlich ALLES neu braucht und nicht nur ein neues Teil. Das heißt also Möbelmärkte suchen, Möbel angucken, Möbl aussuchen, Möbel kaufen, Möbel aufbauen, auf Möbellieferungen warten, Möbel abholen, Möbel reklamieren, auf Möbelabholungen warten, Möbel zurück bringen, Möbel einpacken, Möbel auspacken, Möbel zurechtrücken, Möbel umstellen…

Das ganze haben wir gemacht für ein Bett samt Matratze, ein Schlafsofa (beim Aufmerksamen Leser macht es jetzt “Klick, die haben jetzt auch ein Gästebett” ;-), ein Sofa, einen Nachttisch, einen Schreibtisch, einen Esstisch, einen Schreibtischstuhl, Esstischstühle, ein Sideboard…

Und wenn das alles steht, dann braucht man bis der Container ankommt noch Handtücher, Besteck, Teller, Tassen Töpfe, Gläser, Klobürste, Besen… Ja, es läppert sich und genau das hat uns die letzten Wochen etwas auf Trapp gehalten. Und mit der Suche nach einem Fernseher haben wir noch nicht mal angefangen…

Einiges konnten wir uns auch von Feunden leihen, z.B. zwei Stühle für unseren Balkon, die aber derzeit an unserem nagelneuen Esstisch stehen, bis unsere Esstischstühle dann geliefert werden.

 

Und das Ergebnis: Klasse! Fotos kommen zwar erst mit der Zeit, wenn dann auch alles steht und aufgeräumt ist, aber einige Details werden schon verraten. Viel weißer Lack (was bisher gar nicht unser Geschmack war, uns aber im Moment gefällt (mag auch an den mangelnden Alternativen an Holzmöbeln liegen) und was lustigerweise auch meine Eltern ganz toll fanden, als sie sich Ende der Sechziger das ertse Mal gemeinsam eingrichtet haben), ein riesengroßes Kuschelsofa, Gelb, Rot und Orange darf natürlich auch nicht zu kurz kommen, und: ein gar nicht mal so kleines Hündchen, dass brav neben unserem Sofa sitzt. ;-)

 

Ach ja, und damit das Ganze auch nicht zu einseitig wird geht es jetzt erstmal nach China. Schliesslich sind wir ja bereits seit zwei Tagen wieder in der neuen Wohnung…

 

Und Weihnachten? Ja, irgendwie gibt es das in Australien auch und es gibt auch überall bunte Kugeln, aber irgendwie geht das dieses Jahr völlig an uns vorbei…

 

* “First Live”*** meint hier das althergebrachte normale Leben ausserhalb der virtuellen Realität. Auch im 21 Jahrhundert ist es nach wie vor ein notwenidges Übel ein gewisses Maß seiner Energie diesem First Live zu widmen, im Wesentlichen zum Zwecke der regelmäßigen Nahrungsaufnahme. Um diese unbefriedigende Situation langfristig in den Griff zu bekommen arbeitet Microsoft derzeit am “Virtual Apple”** (Rechtsstreitigkeiten bezüglich des Copyrights auf den Namen sind vorprogrammiert). Idee des “Virtual Apple” ist, dass die Aufnahme von Nährstoffen zukünftig übr die “USB 5.0 Schnittstelle”** erfolgt, in die man lediglich seinen kleinen Finger einstöpseln muss.

 

** Natürlich existieren weder der “Virtual Apple” noch “USB 5.0 Schnittstellen” außer vielleicht in meinem Kopf. Trotzdem ist es völlig unnötig, wenn auch sicherlich lieb gemeint, sich Gedanken über meinen Geisteszustands zu machen – das erledigt meine Heike schon. ;-)

 

*** Die Kreation des Begriffes “First Live” erfolgte von mir gerade spontan in Anlehnung an eine Internet-Simulation mit Namen “Second Live”, die eine gewisse Zeit lang recht erfolgreich war. Das stimmt jetzt übrigens wirklich.

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Katie (Mittwoch, 01 Januar 2014 18:19)

    Allerdings, da war echt viel los bei Euch in den letzten Wochen! Und wir können Euch da nur beipflichten - das Einrichten eines neuen Lebens kann schon einmal 24/7 beschäftigen. Aber gut, dass es die Schweden auch über die Weltmeere geschafft haben - ausgezeichnete Bettwahl bei the way. Wie heissen denn die Krölle-Bölle beim australischen Ableger, hier bei uns in USA sind's nur profane meatballs :-)
    Die Milchglas-Verordnung ist aber wirklich ein interessanter juristischer Auswuchs, aber schön, dass Ihr es passend gemacht habt!
    Wir freuen uns schon auf die nächsten Fotos samt Hündchen? ;-)

  • #2

    Mücke (Donnerstag, 02 Januar 2014 06:34)

    Na grossartig - es bleibt spannend :-))))))

  • #3

    Heike (Donnerstag, 09 Januar 2014 17:29)

    Auch beim australischen Ikea heißen Krölle-Bölle (schönes Wort, dass wird nun in meinen Wortschatz aufgenommen) ganz langweilig Swedish meatballs. Der australische Ableger unterscheidet sich quasi durch nichts vom deutschen Store - außer dass man nicht in Euro bezahlen kann und auch eine neue Ikea-Family-Card beantragen muss, wenn man einen kostenlosen Kaffee möchte. Die deutsche Karte gilt überraschender Weise nicht ;-).