Von Wombats und Leuchttürmen

Preisfrage: Wo wohnen wohl die zuckersüchtigsten und gleichzeitig sportverrücktesten Menschen der Welt? Klar, ihr habt es erraten: auf der kleinen Insel down under… ;-)

Sportverrückt? Definitiv! Jedes Jahr am ersten Dienstag im November gibt es in Melbourne sogar einen nationalen Feiertag extra für ein Sportereignis und zwar für ein…? Spannung… Pferderennen! Yep, richtig gelesen!

Sehen und gesehen werden, das ist beim Melbourne Cup das Motto der Stunde und natürlich besonders wichtig: wer hat den verrücktesten Hut?

Wir allerdings sind der Hutfrage in diesem Jahr nicht auf den Grund gegangen, sondern haben das dank eines zusätzlichen Zwangsbrückentages extra lange Wochenende für einen Abstecher ins Grüne genutzt. Schließlich hatte Dorothée bereits einige Wochen zuvor angefragt, ob wir nicht Lust hätten ein bisschen wandern zu gehen. Na klar haben wir!

Also, das Auto gepackt und auf, auf in Richtung Wilsons Promontory Nationalpark!

Gut 200 km und einen göttlichen Schokonusssonntagskuchen bei Milly und Romeo in Koonwarra später, sitzen wir dann auch schon in unseren Zelten am Tidal River Campingplatz und hören uns genüsslich an, wie der Regen lustig auf unser Zeltdach prasselt… Ganz so hatten wir uns das eigentlich nicht vorgestellt, aber keine Panik, ist nur ein kurzer Schauer. Gleichzeitig mit dem nachfolgenden Regenbogen trifft dann auch Anne ein, die vierte in unserer Wanderrunde, Kollegin von Dorothée und echte Australierin! Gemeinsam machen wir uns auf die Suche nach einem warmen Plätzchen für unser Abendessen, der Wind ist nämlich durchaus frisch. Fündig werden wir allerdings nur bedingt: ein Dach mit einer Wand, das ist alles was es hier gibt. Tidal River ist definitiv auf gutes Wetter beziehungsweise den australischen Proficamper ausgerichtet, der hinter seinem Landcruiser gleich noch ein ganzes Haus herzieht. Für uns dagegen heißt die Devise: Mütze auf, ein bisschen am Rotwein genippt und sich dann warmgezittert. So halten wir es erstaunlich lange auf unserer Bank aus. Als die Dämmerung schließlich in Dunkelheit übergegangen ist, wünschen wir den Wombats noch kurz eine gute Nacht und kuscheln uns dann in unsere warmen Schlafsäcke ein.

 

Der Montagmorgen hält eine angenehme Überraschung für uns bereit: anstatt der angesagten Regenschauer begrüßt uns die Sonne, die durch ein paar Risse in der Wolkendecke lugt. Das müssen wir natürlich nutzen, packen unsere sieben Sachen, verabschieden uns von unserem Auto für die nächsten zwei Tage und machen uns auf in Richtung Leuchtturm. Sportliche 25km stehen für heute an, zunächst einmal am Meer entlang und durch zwei, praktischerweise gerade kleine Gezeitenflüsschen. Strände und Wanderwege haben wir erstaunlicherweise nahezu für uns. Eigentlich hatten wir mit ein bisschen Verkehr gerechnet, schließlich ist langes Wochenende.

 

Was uns allerdings ein wenig irritiert ist eine Vielzahl toter Vögel, die den Strand säumen.

Wie wir später herausfinden, scheinen die Vögel verhungert zu sein und sind dann bei einem Sturm ein paar Tage zuvor vom Meer angespült worden. Sowohl in New South Wales als auch in Victoria wurden tausende tote Vögel in den letzten Wochen an die Strände gespült. Dafür wird eine ungewöhnliche saisonale Erwärmung des Pazifik verantwortlich gemacht, was bedeutet, dass die Vögel nach Ihrer Überwinterung in anderen Gebieten zu spät im Süden eingetroffen sind, nachdem der Krill, ihre Hauptnahrung, bereits verschwunden ist. Sehr traurig...

 

Am Mittag erreichen wir die Halfway Hut und machen dort Rast. Bevor es weitergeht reiche ich zum Nachtisch noch unsere Süßigkeitentüte herum. Dorothée ist hocherfreut als sie darin einen Cherry Ripe-Schokoriegel entdeckt. Cherry Ripe, das ist so eine Art Bounty nur noch ordentlich mit Kirschsirup aufgepeppt und mit dunkler Schokolade umhüllt.

Womit wir übrigens bei Punkt zwei der Einleitung angelangt wären, der australischen Zuckersucht. Bei einer Besichtigung der Cadbury Schokoladenfabrik auf Tasmanien vor einigen Jahren haben wir nämlich gelernt, dass Cherry Ripe der meistverkaufte Schokoriegel Australiens ist. Nur im Rest der Welt lässt er sich erstaunlicherweise nicht vermarkten. Der Grund dafür ist einfach: allen anderen Völkern dieser Erde ist er schlichtweg zu süß… Uns macht das allerdings nichts aus, auch wenn wir Deutsche sind. An die Extraportion Zucker haben wir uns längst gewöhnt. ;-)

 

So gestärkt nehmen wir also die zweiten elf bis 14 Kilometer des Tages in Angriff. Wieviele es denn genau sind, darauf können sich die diversen Schilder am Wegesrand nicht so richtig einigen. Ist aber eigentlich auch egal, zum Leuchtturm müssen wir so oder so.

Gegen vier Uhr nachmittags kommt er dann tatsächlich in Sicht. Strahlendweiß steht er umgeben von einigen kleinen Häuschen da, auf einer Landzunge, die sich ein gutes Stück ins Meer hineinschiebt. Das letzte Stück geht es allerdings noch einmal ordentlich bergauf. Immerhin werden wir aber von ein paar Sumpfkängurus am Wegesrand angefeuert. ;-)

Oben angekommen verlieren wir nicht viel Zeit und nehmen unsere Unterkunft in Augenschein. Was uns erwartet ist schlichtweg klasse: Kamin, Wintergarten mit gemütlichen Sofas und Blick über die Klippen zum Meer! In Kombination mit den Köstlichkeiten aus unseren vier Rucksäcken ist alles da für einen perfekten Abend! Und zu unserer aller Freude gibt es sogar noch ein paar Wombatmamis samt Nachwuchs, die fröhlich im Vorgarten grasen und einen traumhaften Sonnenuntergang!

 

Als wir uns am nächsten Morgen leicht verpennt und mit schweren Füßen aus unseren Betten erheben, wartet nach einer heißen Dusche bereits der nächste Knaller auf uns: die superfreundliche Rangerin weiht uns in die Geheimnisse ihres Leuchtturms ein. Soweit noch nicht übermäßig außergewöhnlich. Aber dann: als wir oben auf dem Aussichtsbalkon des Leuchtturms ankommen, können wir unseren Augen fast nicht trauen. Im Meer direkt vor der Steilküste tummelt sich tatsächlich ein Buckelwal mit seinem Kalb und springt sogar einmal für uns aus dem Wasser (sogenanntes "bridging")!

 

Ein gutes Stück später und immer noch mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht machen wir uns dann auf den Rückweg. Das erste Zwischenziel des Tages heißt Waterloo Bay. Die Sonne strahlt vom wolkenlosen Himmel, ein perfekter Wandertag. Es geht durch dichten Wald der sich immer wieder zum Meer hin öffnet, wo sich atemberaubende Blicke über die Küste bieten. Als wir schließlich einen letzen Hügel umrundet haben liegt die südseegleiche Bay vor uns: weißer Sand umgeben von allen erdenklichen Blau- und Grüntönen!

Unten am Strand werfen wir uns in den Sand und schauen, was unsere Rucksäcke noch so zu bieten haben. Gesellschaft leisten uns eine Krähe, die sich für eine Möwe hält, und eine Möwe die uns eine halbe Stunde lang umrundet, immer in der Hoffnung ein paar von unseren Nüssen klauen zu können. Aber keine Chance! Fang dir einen Fisch!

 

Ein Blick auf die Uhr verrät uns, dass wir auf dem ersten Stück mit einem Schnitt von wenig mehr als zwei Kilometern pro Stunde unterwegs waren. Das schreit nach einem kleinen Zwischenspurt, schließlich geht es im Anschluss an unsere Wandereinheit ja noch nach Melbourne zurück…

Aber auch acht Kilometer später haben wir unseren Schnitt noch nicht wesentlich aufpoliert und vor uns liegen weitere sechseinhalb Kilometer bis zum Endpunkt der Wanderung, von wo aus uns ein Shuttlebus zum Campingplatz nach Tidal River und damit zu unseren Autos zurück bringt - wenn wir denn den letzten Shuttle rechtzeitig erreichen. Sonst geht es noch einmal drei weitere Kilometer über Asphaltsraßen. Quasi genau die richtige Motivation für mich, um zum Abschluss nochmal ein bisschen Tempo zu machen…

 

Den Shuttelbus zu unserem Campingplatz habe ich noch erwischt und es wäre sogar noch ein weiterer gefahren. Als ich Heike, Dorothée und Anne mit unserem Auto vom Shuttleparkplatz abhole sind unserer aller Beine aber auch der gemeinsamen Meinung, dass sie jetzt nun wirklich genug getan haben!

 

Drei Stunden später kommen wir schließlich wieder in St Kilda an. Die arme Dorothée muss allerdings von hier auch noch eine knappe halbe Stunde weiter in den Westen von Melbourne. Dafür hat sie dann aber auch das Schlusswort des Tages und zwar per SMS: "Gute Nacht, over and out, Dorothée!"

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Mücke (Freitag, 15 November 2013 06:32)

    Immer wieder lernt man was interessantes aus Euren Berichten - National Geograpic lässt grüssen, danke dafür, Holger

  • #2

    Holger (Freitag, 15 November 2013 07:42)

    Gerne geschehen. :-)