Im Herzen Afrikas

Zuma Rock - Das Eingangstor von Abuja
Zuma Rock - Das Eingangstor von Abuja

Wieder einmal ein ganz neues Fleckchen auf der Landkarte. Nach Perm im großen Russland an der Grenze von Europa und Asien, diesmal also Abuja im Herzen von Nigeria. Nein, ich kann mich wirklich nicht beschweren, dass mein Arbeitgeber langweilige 08/15-Ziele für meine Dienstreisen heraussucht.

Vier Wochen werde ich hier zunächst verbringen und aller Voraussicht nach bis zum Ende dieses Jahres in regelmäßigen Abständen immer wieder für einige Wochen zurückkehren. Viel Zeit also, um mich mal wieder von einigen Vorurteilen, die ich über einen mir bisher unbekannten Teil der Erde habe, zu lösen und meine Angst vorm Unbekannten zu überwinden!

Abuja, momentan kennt den Namen der nigerianischen Hauptstadt wohl jeder und zwar aus schlechtem Grund: Bombenanschlägen. Ein komisches Gefühl? Für mich eigentlich nicht, das stärkste Gefühl ist definitiv die Neugier. Wie ist es also, wenn man ein Land wie Nigeria besucht?

Der größte internationale Flughafen Nigerias ist in Lagos, der ehemaligen Haupt- und immer noch größten Stadt des Landes, gelegen an der Küste. Hier betrete ich zum ersten Mal nigerianischen Boden. Die Passkontrolle ist wie in so vielen Ländern sehr dazu geeignet, einen ein bisschen nervös zu machen. Der erste Kontrolleur stellt schlicht und ergreifend nur fest, dass ich überhaupt einen Pass besitze, genau wie der zweite. Erst der dritte scheint derjenige zu sein, dessen Aufgabe es ist mein Dokument auch zu überprüfen. Dafür lässt er sich dann mächtig Zeit. Genug Zeit, dass ich mir meine Gedanken darüber machen kann, wie faszinierend doch so selbstverständliche Dinge wie die Einreise in ein Land sind: man zeigt ein Stück Papier vor und wird freundlich hineingewunken! Und wenn nicht? Wenn jemand nicht nach den mir geläufigen Regeln spielt???

Ein weiterer Grenzbeamter geht mit meinem Pass weg und mir wird noch ein wenig mulmiger. Beim zurückkommen sehe ich dann, dass es sich gar nicht um meinem Pass handelte und ich atme durch. Offensichtlich hatte mein Grenzbeamter lediglich von einem Kollegen vier weitere Pässe zugeschoben bekommen, die bevorzugt behandelt werden wollten. Das erklärt problemlos meine etwas lange Wartezeit und schließlich bekomme ich ohne ein weiteres Wort meinen Pass mit frischem Stempel zugeschoben.

Weitere drei bis vier Kontrolleure später stehe ich dann vor dem Flughafen und werde dort planmäßig vom Fahrer des von meiner Firma engagierten Sicherheitsdienstes in Empfang genommen. Seine Rolle ist es, mich und einen mit angereisten Kollegen vom internationalen zum nationalen Flughafen von Lagos zu bringen. Dank des Verkehrschaos in diesem riesigen Moloch benötigen wir fast eine Stunde für die wenigen Kilometer. Aus dem Fenster sieht man hunderte gelb gestrichener VW-Bullis aus dem vorherigen Jahrhundert und entlang der unbefestigten Straßen reihen sich die immer gleichen grauen Häuser. Auf unserer Fahrt werden wir ständig verfolgt von einem Geländewagen mit drei schwer bewaffneten Sicherheitsbeamten, der nutzloserweise in regelmäßigen Abständen in den Verkehr hineinhupt. Eine Sicherheitsmaßnahme extra für mich, auf die mein Unternehmen besteht, deren Sinnhaftigkeit ich allerdings stark anzweifle und die ironischerweise nicht wirklich zu meinem Sicherheitsempfinden beiträgt.

Eine Flugstunde später bei der Ankunft in Abuja wird auf diese Maßnahme angenehmerweise verzichtet. Warum kann ich nicht sagen, beschweren tue ich mich drüber aber nicht.

Bei der Ankunft am Hilton Hotel wird unser Wagen zunächst auf Bomben untersucht bevor wir auf den Hotelparkplatz dürfen. Beim Betreten des Hotels werden sämtliche Taschen durchleuchtet ganz ähnlich wie an einem Flughafen. Dies, so werde ich später feststellen, ist das Standardprozedere in Abuja auch in Supermärkten und anderen Hotels.

Am nächsten Morgen geht es dann zum ersten Mal an meinen Arbeitsplatz für die nächsten vier Wochen. Möglicherweise vorhandene Bedenken wie es denn sein wird, werden mit jedem weitern Händeschütteln weiter abgeschüttelt. Die Menschen hier sind unglaublich offen, freundlich und interessiert! Hatte ich bisher gedacht Australien sei das Land, in dem man mit jedermann mal eben ins Gespräch kommt, muss ich diese Einstellung nun revidieren: in Nigeria ist das noch viel, viel einfacher! :-) Die Arbeit in den nächsten Wochen wird definitiv spannend werden, aber das soll ja nicht das Thema sein, schließlich geht es hier um die Vermessung der Welt und nicht ums Arbeiten, denn dies ist unsere „Private-Website“...

Daher springen wir gleich weiter zum zweiten Wochenende, an dem ich dann ein bisschen mehr von Abuja zu sehen bekomme. Eine relativ langweilige Stadt, wie ich leicht enttäuscht resümieren muss: ähnlich wie Australien mit Canberra hat auch Nigeria irgendwann ein unbedeutendes Dorf zur Hauptstadt auserkoren. Regierungsgebäude, breite Straßen mit einem im Vergleich zu Lagos recht zivilisiertem Verkehr, ein Haus auf das ein abgedrehter Millionär ein Flugzeug geschraubt hat und ein kleines „Handicraft Village“ in dem man Souvenire erstehen kann, das ist es dann auch schon gewesen. Viel Aussteigen zum Fotoschießen oder Eintauchen ins Stadtleben ist auf Grund der unübersichtlichen Sicherheitslage in Nigeria leider nicht drin und auch der Aso Rock, ein beeindruckender Monolith, der über Abuja thront, ist nicht zugänglich, da er eingebettet zwischen Präsidentenpalast, Nationalversammlung und Oberstem Gericht liegt und entsprechend derzeit abgesperrt ist . Dafür hat aber mein Fahrer Städteplanung studiert und kann mir über jedes Häuschen ein bisschen was erzählen.

Die nächsten zwei Wochen, bekomme ich außer Hotel und Arbeitsplatz erneut nicht viel zu sehen und es reift die Einsicht, dass ich nicht nach Australien zurückkehren kann ohne zumindest ein bisschen was vom Land gesehen zu haben. Gemeinsam mit zwei Kollegen, die in der Zwischenzeit in Nigeria angekommen sind, geht es daher an meinem letzten Wochenende schließlich raus aus Abuja. Wir haben unseren Fahrer gebeten uns zum in der Nähe gelegenen Zuma Rock zu fahren, einer Art Uluru nur in Grau. Sobald wir die Stadtgrenze Abujas hinter uns lassen taucht er auch schon am Horizont auf, obwohl es noch eine knappe Stunde Fahrzeit ist. Während dieser Fahrt wird uns schnell klar, dass die Hauptstadt nicht repräsentativ für den Rest des Landes ist. Auch wenn bereits in Abuja, vorsichtig gesagt, vieles nicht unseren Vorstellungen einer modernen Metropole entspricht und beispielsweis zwei Drittel der Ampeln außer Betrieb und durch einen klassischen Verkehrspolizisten ersetzt sind, so ist es doch im Kontext vom Rest Nigerias eine Insel der Seligen!

Besonders nervig sind die Polizeikontrollen, auf die man im Viertelstundentakt trifft. Klare Regeln: Blickkontakt vermeiden, keine Wertgegenstände in der Hand haben und den Fahrer reden lassen. Man weiß schließlich nie, was dem jeweiligen Staatsbeamten gerade im Hinterkopf rumschwirrt. Die ungefähr achte Kontrolle sieht mein Kollege leider erst zu spät. Er hatte gerade aus dem Wagenfenster das Schild zu einer Art Nationalpark geknipst und dabei den Polizeiwagen dahinter glatt übersehen. Der Kontrolleur fackelt nicht lange, bittet meinen Kollegen um seine Kamera und verschwindet, was unserem Fahrer ein leicht genervtes Schnauben entlockt. Er steigt aus und bittet kurze Zeit später auch meinen Kollegen hinzuzukommen. Zehn Diskussionsminuten steigen beide, zu unser aller Erstaunen sogar samt Kamera, wieder in den Wagen ein. Das sogenannte Problem, so erfahren wir von meinem Kollegen, war, dass das Nationalparkschild auch ein Foto des Provinzgouverneurs zeigte. Knipsen streng verboten! Einheimische werden für dieses Vergehen angeblich hinter Gitter gebracht... In unserem Fall hat sich der Polizist allerdings damit begnügt, dass das fragliche Foto gelöscht und auch das Teil des Deals ein neues mit leicht veränderter Perspektive und ohne Gouverneur geschossen wurde. Alles klar, uns soll es recht sein.

Abgesehen von den lästigen Polizeikontrollen bietet die Fahrt faszinierende Blicke und Einblicke. Entlang der Straße ist zu sehen, wie die nigerianische Bevölkerung außerhalb der Hauptstadt oftmals lebt. Bilder, die die gängigen Armut-Klischees leider nur zu gut erfüllen. Aber Vorsicht, bloß nicht direkt wieder Vorurteile aufbauen... Bilder, sei es in der Zeitung oder aus dem Wagenfenster, so habe ich mittlerweile gelernt, zeigen in aller Regel nicht, was einen erwartet, wenn man in eine neue Welt tatsächlich auch eintritt.

Ein wenig später erreichen wir schließlich den Zuma Rock. In jedem anderen Land wäre er vermutlich von Wanderwegen und Tourizentren umgeben. In Nigeria steht er dagegen relativ unbeachtet am Straßenrand und wie üblich ist es auch von genau dort, dass wir ein paar Fotos schießen. Aussteigen wie so oft nicht möglich.

Etwas enttäuscht bin ich gedanklich schon auf dem Rückweg, als unser Fahrer noch ein Highlight für uns aus dem Ärmel zaubert. Er bringt uns noch ein gutes Stück weiter hinein nach Nigeria und zu den Gurara Fällen. Und dort, ich hätte es nicht mehr für möglich gehalten, können wir tatsächlich aussteigen und zumindest für eine halbe Stunde durch die nigerianische Natur wandern...

 

Nach einem Kurztrip zu meiner geliebten Heike in mein geliebtes Melbourne kehre ich zwei Wochen später bereits nach Abuja zurück. Die Vorwarnungen haben sich geändert. Dass Boko Haram erneut dutzende von Kindern gekidnappt hat, diesmal Jungen, bleibt von der internationalen Presse weitgehend unbemerkt. Schließlich gibt es mittlerweile ein viel spannenderes Thema: Ebola.

Wie fühlt es sich also an, während der Ebola-Epidemie in Westafrika in Abuja zu sein? Was soll ich sagen, nicht viel anders als auch von Melbourne aus. Es ist schon irgendwie bedrohlich, aber es ist doch soweit weg...

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Kommentare: 2
  • #1

    Mücke (Freitag, 29 August 2014 11:56)

    es bleibt dabei : Carpe Diem

    Wie geht es Heike bei der neuen beruflichjen Herausforderung eigentlich?

    Bleibt miunter und gesund !

  • #2

    Eva (Dienstag, 23 September 2014 03:24)

    Spannende Erzählung von einem Flecken Erde, wo es kaum jemanden hinverschlägt. Pass weiter auf Dich auf! Dein Cousinchen