Dubai

Na klar, in Dubai, der Stadt der Superlative. Der Grund dafür, dass ich dort war, war auch ein Superlativ, zumindest ein persönlicher: die mit Abstand längste Flugverspätung, die ich jemals erlebt habe...

Ein letzter Sonnenaufgang über Abuja und dann ab nach Hause, das war der Plan...
Ein letzter Sonnenaufgang über Abuja und dann ab nach Hause, das war der Plan...

Los ging alles an einem Donnerstag-nachmittag um 16:00 Ortszeit in Abuja, als ich mich vom Hotel aus auf den Weg zum Internationalen Flughafen machte, um von dort nach einer zweiwöchigen Dienstreise nach Melbourne zurückzukehren. Zu diesem Zeitpunkt glaubte ich noch, dass ich dort exakt um 5:25 Uhr Ortszeit am Samstagmorgen landen, dann gegen 6:30 Uhr bei uns zu Hause ankommen und nach eine kurzen Dusche zu Heike ins Bett krabbeln würde. Reisezeit wären exakt ein Tag, 5 Stunden und 30 Minuten gewesen. Was sollte dann auch schon großartig schief gehen? Ich würde ja diesmal mit Emirates nach Dubai und nicht mit der nigerianischen Arik (Firmenmotto ist, soweit ich weiß: Rechne mal immer mit vier bis acht Stunden Verspätung!) nach Lagos fliegen.

Weit gefehlt!

 

Denn reibungslos klappte alles nur bis in die Lounge des Flughafens von Abuja. Dort saß ich nach ungewöhnlich unkomplizierten Ausreiseformalitäten bereits gegen 17:30 Uhr und erwartete, dass vermutlich so gegen 18:45 Uhr, dem Beginn der offiziellen Boardingzeit, jemand reinkommen und uns auffordern würde, den Flieger zu bestiegen (Monitore, die einem Auskunft über den tatsächlichen Status eines Fluges geben, gibt es am Flughafen Abuja natürlich nicht). Als gegen 19:15 Uhr, dem Ende der offiziellen Boardingzeit immer noch keiner reingekommen war, fragte ich mal vorsichtig beim Barkeeper nach, denn das  war die einzig irgendwie offiziell aussehende Person, die zu finden war, ob der Flieger denn auch pünktlich wäre.

Das wurde höchst freundlich bejaht und Boarding würde präzise „Anytime from now!“ beginnen!

Gegen 20:30 Uhr kam dann die erste offizielle Aussage von Emirates zum Status des Fluges, die da hieß es gäbe ein Problem mit einem Öl-Sensor und Dubai würde um 22:00 Uhr entschieden, ob der Flug heute gehen würde oder auch nicht...

 

Gegen 23:00 Uhr (so ein Stündchen Spiel sollte am ja immer einrechnen) wurden wir dann aufgefordert, den Flughafen zu verlassen und uns wurde gesagt, wir würden nun alle in das Hotel, in dem ich bereits die letzten zwei Wochen verbracht hatte, gebracht werden und der Flieger würde am nächsten Tag gehen. Hurra!

Keine zwei Stunden weiterer Wartezeit vor dem Flughafen später kam dann auch schon meine Rückfahrgelegenheit, die ich in weiser Voraussicht selbst organisiert hatte, als abzusehen war, dass die Mitarbeiter von Emirates ihr Transportchaos nicht auf die schnelle lösen würden. Gegen 2:00 Uhr morgens kam ich schließlich wieder in dem Hotel an, was ich am Nachmittag des Tages zuvor verlassen hatte (und in der Tat lange vor den offiziellen Emirates-Bussen...).

Der nächste Morgen startet mit einem Wetter passend zu meiner Stimmung...
Der nächste Morgen startet mit einem Wetter passend zu meiner Stimmung...

Am nächsten Morgen beim Aufwachen lag bereits ein Zettel vor meiner Hotelzimmertür, der besagte, dass wir uns um 18:00 Uhr in der Hotellobby treffen und uns um 18:30 Uhr zum Flughafen aufzumachen würden.

Exakt zu diesem Zeitpunkt habe ich schlichtweg mal wieder nicht nicht schnell genug geschaltet! Denn aus der Abfahrtszeit ließ sich ja schon relativ eindeutig ableiten, dass die Verspätung des Fliegers vom Tage zuvor mehr als 24 Stunden betragen würde. Warum habe ich also nicht einfach auf den Flieger 24 Stunden später umgebucht?

Aber irgendwie, naiv wie ich bin, bildete ich mir halt ein, dass fünfeinhalb Stunden Puffer in Dubai schon ausreichen würden.

Dass ich mich da verdammt verkalkuliert hatte, wurde mir schlagartig klar, als ich mich gegen 18:00 Uhr in der Hotellobby einfand und dort vom freundlichen Hotelpersonal darüber informiert wurde, dass wir jetzt um 22:30 Uhr abgeholt werden würden...

Das einzig positive an der Nachricht: die Kollegen eines Druckmaschinenherstellers, vorwiegend Deutsche und Österreicher, die die letzten Monate beim gleichen Kunden wie ich gearbeitet und die ich ein paar Tage zuvor kennengelernt hatte, hatten sich gerade auf eine Bier an der Poolbar eingefunden. Das hätte ich sonst verpasst...

 

Trotz einer gewissen Skepsis, ich hatte mich bereist mit einer weiteren Nacht im Hotel abgefunden, wurden wir tatsächlich um 22:30 am Hotel abgeholt Die Busse waren zwar eng, aber diesmal zumindest da.

Am Flughafen wurde das übliche Ausreiseprozedere (mein Rekord in Abuja liegt bei 13x anstehen bevor ich im Flieger war: erste Sicherheitskontrolle, erste Passkontrolle, zweite Sicherheitskontrolle, Koffer wiegen, zweite Passkontrolle, Flugticketkontrolle, Einchecken, dritte Passkontrolle, Geldwäschekontrolle, vierte Sicherheitskontrolle, vierte Pass- und Visakontrolle, fünfte Sicherheitskontrolle, Boarding Pass-Kontrolle) wurde diesmal dadurch bereichert, dass zwischen der zweiten Sicherheitskontrolle und der Gepäckwaage freundliches Bodenpersonal damit beschäftigt war, die Koffer, die wir am Vortag am Flughafen zurückgelassen hatten, auf einen großen Haufen zu werfen. Das Chaos beim Suchen des eigenen Koffers war selbstredend großartig!

 

Nach dem Wiederfunden meines Koffers, der niederschmetternden Nachricht, dass ich noch nicht bis Melbourne durchchecken konnte, da mein Anschlussflug zu weit in der Zukunft lag (sprich am übernächsten Tag), einer besonders intensiven Passkontrolle, insgesamt haben vier freundliche Grenzbeamte meinen Pass bewundert, einer davon geschätzte 15 Minuten, saß ich dann auch schon wieder wie tags zuvor in der Lounge. Der Flug würde sich gegen 2:30 Uhr morgens in die Lüfte erheben, mit sportlichen 31 Stunden Verspätung.

 

Später an Bord wurden wir darüber informiert, dass der Grund für diese doch recht lange Verspätung war, dass zunächst noch ein Ingenieurteam aus Dubai eingeflogen werden musste, das das technische Problem dann letztendlich behob. Zugegebenermaßen halte ich dass durchaus für eine clevere Taktik, denn nigerianische Ingenieure, so zumindest meine Erfahrung, begnügen sich in der Regel damit, Sensoren, die nicht den gewünschte Messwert anzeigen, schlichtweg zu überbrücken und dann abzuwarten, ob das wohl irgendwelche Konsequenzen hat...

 

Bei meiner Ankunft in Dubai wurde ich vom dortigen Bodenpersonal bereits sehnlichst erwartet: mit Boarding Pass für meinen Anschluss von Dubai über Kuala Lumpur nach Melbourne und außerdem mit einem Hotelvoucher, denn bevor ich den nächsten Flieger besteigen würde, waren erst nochmal 13 Stunden Aufenthalt in Dubai geplant.

Auf mein Flehen hin wurde ich aber ohne Probleme auf einen Qantas-Flug umgebucht, den Heike für mich herausgesucht hatte und der gut anderthalb Stunden früher abheben und ohne Abstecher nach Kuala Lumpur zurück nach Melbourne fliegen sollte. Erhoffte Reisezeitersparnis: knapp fünf Stunden!

 

Blieben also immer noch elf Stunden um Dubai zu erobern! Daher nur eine kurze Dusche im Hotel und dann: Carpe Diem! Auf ins Gewimmel der Superlative bei strahlendem Sonnenschein und Temperaturen jenseits der 40°C!

Erfolgreiche Souvenir-Jagd: Magneten, ein Maus-Teppich und Teppich-Untersetzer
Erfolgreiche Souvenir-Jagd: Magneten, ein Maus-Teppich und Teppich-Untersetzer

Frohen Mutes, mit einer Tüte voller Souvenirs und dem Gefühl, den Tag bestens genutzt zu haben, ging es um 23:00 Uhr dann wieder Richtung Flughafen. Im Check In-Bereich herrschte eine entspannte Atmosphäre, schließlich war ich mehr oder weniger der einzige Gast und durfte dann sogar am First Class-Schalter einchecken (für alle die sich jetzt Fragen, was der Unterschied zum Business Class-Schalter ist: der Teppich ist rot und nicht blau...).

Der Mitarbeiter von Qantas war zwar leicht verwirrt ob meiner Umbuchung, dabei aber durchaus nicht unfreundlich. Schon wenig später ging es mit dem brandneuen Boarding Pass bewaffnet durch die ebenfalls leeren Sicherheits- und Passkontrollen.

 

Ein erstes ungutes Gefühl beschlich mich allerdings, als ich mir auf dem Weg zur Lounge den Boarding Pass etwas genauer anschaute und die Boarding Zeit darauf mit 2:35 Uhr angegeben war, wo ich doch mit einer Abflugzeit von 1:35 Uhr gerechnet hatte.

Aber der freundlichen Kollege am First Class Check In-Schalter hätte mich doch garantiert über eine Verspätung informiert und sich tausendmal dafür entschuldigt, worauf ich ihm versichert hätte, dass das aber doch rein gar nichts ausmacht???

Beim Eintritt in die Lounge dann die böse Gewissheit: ich würde erneut zwei Stunden zusätzlich am Flughafen verbringen und aller Voraussicht nach in der Lounge sinnlos Kalorien in mich hineinstopfen. Ich war am Boden zerstört!

Zunächst mühte ich mich zwar noch um ein wenig Haltung und begann damit einen (diesen) Artikel über meinen Verspätungsmarathon zu schreiben, doch meine kläglichen Versuche, meinem Lounge-Leben ein wenig Sinn zu verleihen, scheiterten schon kurz darauf an einem Blueberry Muffin. Während der anschließenden Portion Häagen-Dazs-Vanilleeis überkam mich in einem unerwünschten Moment der Klarheit dann auch noch die anklagende Selbsterkenntnis, dass ich hier mal wieder auf hohem Niveau litt und mein Leben, jetzt mal abgesehen von dem nahenden Zuckerschock, nicht unmittelbar bedroht war. Verständlicherweise trugen die darauf folgenden Selbstbelehrungen, dass ich mich doch mal gefälligst am Riemen reißen solle, in keinster Weise zur Besserungen meiner Stimmung bei...

Na klar, auf der Anzeigetafel ist ein einziger Flug verspätet: meiner!
Na klar, auf der Anzeigetafel ist ein einziger Flug verspätet: meiner!

Im weiteren Verlaufe der Nacht und während ich mir die Zeit damit vertrieb, Sofaecken Probe zu sitzen und die verschiedenen Buffets zu begutachten, klärten sich zumindest zwei Dinge auf: erstens, dass der Flieger aus Melbourne verspätete war, weil ihm beim Kreiseln im total überfüllten Luftraum Dubais der Sprit ausgegangen war und er in Bahrain Zwischenlanden musste, und zweitens, dass die Verspätung im Endeffekt nicht knapp zwei sondern gut vier Stunden betragen würde, wodurch sich meine fünf-Stunden-Reisezeitersparnis-Umbuchungsaktion als ziemlich (aber immerhin nicht ganz) sinnlos erwies. Außerdem lernte ich im Gespräch mit Mitreisenden bzw. Mitleidenden, einer Holländerin und einer Australierin, deren Tochter seit zwei Jahren in Berlin lebt, einiges neues über europäische und australische Wetter- und Wohnungsbaubesonderheiten.

 

Zusammen mit ein paar Halte durch!-Nachrichten von Heike hob das meine Stimmung immerhin soweit an, dass ich schließlich irgendwann meinen Sitzplatz Richtung Down Under im oberen Deck eines Airbus A380 der Queensland and Northern Territory Aerial Services Airways Limited erreichte, ohne dass ich zuvor den Freitod durch Überzuckerung mit Hilfe von Eiscreme und Muffins gewählt hätte. Dort sank ich dann ohne ein weiteres Abendessen innerhalb kürzester Zeit in einen tiefen traumlosen Schlaf...

 

Momentan sitze ich noch immer im Flieger. Geplante Ankunftszeit in Melbourne ist 23:40 Uhr. Sollte nichts mehr großartig schiefgehen, dann werde ich wohl gegen 1:00 Uhr am Montagmorgen zu Hause ankommen und zwar mit einer rekordverdächtigen Verspätung von einem Tag, 18 Stunden und 15 Minuten.

Ich weiß, dass von dieser Odyssee in ein paar Tagen nur eine coole Geschichte und die Erinnerung an einen Abend mit Kollegen an der Poolbar und einen Tag mit neuen Eindrücken in Dubai zurückbleiben wird.

Trotzdem: ich will einfach nur noch ankommen und mein Ehrgeiz, diesen Rekord irgendwann noch einmal zu schlagen, hält sich in extremen Grenzen...

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Kommentare: 2
  • #1

    Jenni & Oli (Montag, 09 November 2015 14:05)

    Oh Mann ... Da hast du echt Nerven bewiesen. Ich glaube ich wäre Amok gelaufen! Viele liebe Grüße Andreas andere Ende der Welt!!!

  • #2

    Jenni (Montag, 09 November 2015)

    Ich liebe Autokorrektur... Es sollte natürlich ans andere Ende heißem!!!