The Great Dividing Range

Victorias Alpine National Park liegt etwa vier Autostunden nordöstlich von Melbourne und mitten im Herzen der berühmten Great Dividing Range, einem uralten und 3700 km lange Gebirgszug, der sich in einem Bogen entlang der gesamten Australischen Ostküste zieht: von der York Peninsula im Norden Queenslands durch ganz New South Wales bis in den Westen Victorias, wo er sich bei den Grampians im Tiefland verliert. Entstanden ist die Great Dividing Range vor mehr als 300 Millionen Jahren, heute sind die Berge durch Erosion abgeflacht und rundgewaschen.

 

2010 hatten Heike und ich den 2228 m hohen Mount Kosciuszko bezwungen, König der Great Dividing Rang und höchster Gipfel Australiens. Naja, oder vielleicht mehr bepicknickt als bezwungen. Man muss jetzt nicht unbedingt an die Grenzen seiner körperlichen Leistungsfähigkeit gehen, um oben anzukommen: früher konnte man bequem mit einem Allrad-Fahrzeug hochfahren, heute geht es auf einem Holzsteg 30 cm oberhalb der Grasnarbe zum Gipfel...

Die victorianischen Berge sind im Vergleich zum Kosciuszko, der in New South Wales liegt, zwar ein wenig niedriger, dafür aber auch deutlich anspruchsvoller. Und die diesjährige Feiertagssaison, die in Australien im Februar/März/April und nicht wie in Deutschland im Mai/Juni ist, haben wir dazu genutzt, um uns ein paar von denen ein wenig genauer anzuschauen...    

Im Hintergrund der Mount Feathertop
Im Hintergrund der Mount Feathertop

Teil 1: Mount Feathertop

 

Freitag, der 4. März, wird als der Tag in die Geschichte eingehen, an dem ich den Sitz meines Arbeitgebers in Craigieburn weit im Norden von Melbourne zum allerersten Mal (und ist seitdem auch nicht wieder vorgekommen) als einen eindeutigen Standortvorteil empfunden habe. Denn wenn man sich von Craigieburn aus auf den Weg Richtung Nordosten machen will, dann hat man sich eine elende Autostunde (oder je nach Verkehr auch schon mal ordentlich mehr) von St. Kilda aus quer durch den Stadtverkehr gespart!

Also, Heike noch kurz von der Metro-ENDhaltestelle (Craigieburn = letzter Halt vorm Outback...) abgeholt und schon sind wir auch auf dem Weg Richtung Natur!

Oder zumindest fast, denn für den Freitag, da es erst nach Dienstschluss losging, hatten wir das Örtchen Wangaratta auf etwas mehr als halber Strecke am Hume Freeway als unser Ziel auserkoren. Das Motel, in dem wir dort unterkamen, hatte die wunderbare Atmosphäre eines schlechten amerikanischen Roadmovies und ich bin überzeugt, dass während wir mehr oder weniger friedlich schlummerten, in den Nachbarapartments fröhlich mit Drogen gehandelt und die Beute aus diversen Banküberfällen verteilt wurde!

 

Eine andere Erklärung wäre natürlich, dass die Fahrer der diversen schweren amerikanischen Schlitten und Bikes, die auf dem Hof standen, keine Drogenbosse, sondern einfach Nostalgiker auf dem Weg zu einem Oldtimertreffen waren. Aber die Vorstellung wäre ja ein wenig langweilig!

Wie auch immer, um die 80er-Jahre Atmosphäre von Teer, unbegrenzter Freiheit und amerikanischem Traum untermalt mit dem wohligen Geruch von Motoröl und Benzin, nicht zu untergraben, besorgten wir uns am nächsten Morgen unser Frühstück stilecht bei McDonalds und setzten uns damit auf die Plastikstühle draußen vor unserem Hotelzimmer. Wunderbar! Einen krasseren Kontrast zu den nächsten Tagen in der Wildnis hätten wir auch mit viel Mühe nicht hinbekommen! Kein Wunder also, dass wir uns in Wangaratta ein wenig verliebt und es zu unserem Standardstopp auf dem Weg in die Berge auserkoren haben!

 

Den ersten Wandertag hatte Heike wie folgt angekündigt: Up, Up, Up, Up, Up!

Viel treffender kann man es auch wohl nicht beschreiben. Mit Rucksack, Zelt, Schlafsack und Essen für die nächsten Tage auf dem Rücken gar nicht mal so einfach. Diverse Mitzwanziger zogen fröhlich pfeifend an uns vorbei, wir versuchten erst gar nicht Schritt zu halten, aus dem Alter sind wir raus. ;-)

Dank schwülwarmen Sommerwetters erreichten wir die Federation Hut, wo wir unsere erste Nacht verbringen wollten, nassgeschwitzt. Aber keine Zeit zum Ausruhen, denn in den Bergen wechselt das Wetter fast so schnell wie an der Küste und so begannen wir etwas hektisch unser Zelt aufzustellen, als es quasi Sekunden nach unserer Ankunft langsam aber sicher anfing zu tröpfeln. Perfekt getimt! Bevor das Unwetter richtig losging, waren wir fertig und konnten in der Federation Hut Unterschlupf suchen, gemeinsam mit gut 30 anderen Wanderern. Die nächste Stunde verbrachten wir damit, uns von ein paar Belgiern, die es auch vor einigen Jahren nach Melbourne getrieben hatte, ihre Geschichte erzählen zu lassen, und die draußen tropfnass eintrudelnden Wanderer zu bemitleiden, die mit ihrer Zeitplanung ein bisschen weniger Glück gehabt hatten.

Nach Ende des Regens stellten wir allerdings fest, dass wir uns beim Aufstellen des Zeltes völlig unnötig beeilt hatten. Es stand jetzt mitten in einer Pfütze und wir mussten es noch einmal umstellen. Egal, der neue Platz hatte eine eindeutig bessere Aussicht und für den Rest das Wochenendes bleib es dann auch trocken.

 

Ohne Rucksack, dafür aber mit gefühlten Flügeln, stand nach Ende des Regens nochmal eine halbe Stunde Aufstieg zum Gipfel des Feathertop auf 1922 m an, mit 360° Blick über die Great Dividing Range! Großartig! Für andere sogar noch wichtiger: nicht nur die Sicht, sondern auch der Mobilfunk-Empfang war dort eindeutig besser als bei der Federation Hut, die unten im Sattel liegt. ;-)

Egal, wir genossen den Blick hinüber nach Mount Hotham, eines der Skigebiete Victorias, und quatschten ein bisschen mit den anderen Gipfelstürmern.

 

Zurück am Zelt erwartete uns vor dem Abendessen noch der unerwartete Aussichts-Höhepunkt des Tages. Unsere Belgier hatten den idealen Punkt entdeckt, um den Sonnenuntergang zu beobachten und der war einfach nur UN-GLAUB-LICH! Wolken in Flammen!

 

Am nächsten Morgen beim Frühstück machten wir Bekanntschaft mit unseren Nachbarn: zwei Kanadiern und einem Australier, denen der Regen am Vortag im wahrsten Sinne des Wortes schön bis in die Socken gelaufen war... Nicht weiter Schlimm, sie hatten nur die eine Übernachtung geplant und entsprechend waren trockene Klamotten für den Abend in Sicht. Außerdem: wir hatten Traumwetter! Während die in Melbourne Zurückgebliebenen sich mit ein paarundzwanzig Grad begnügen mussten, standen für uns im Hochland 36° auf dem Thermometer! Und es stand die Razorback-Ridge auf dem Programm, der mit Abstand beliebteste Wanderweg in dieser Region und das absolut zu Recht! Rechts und links wunderbare Blicke ins Tal und voraus der Mount Hotham!

 

Kurz vor der Ankunft im Örtchen Hotham Heights bogen wir allerdings, anders als die meisten anderen Wanderer, rechts ab, denn wir hatten einen Rundweg geplant. Vom Abzweig aus, so dachten wir, erwartete uns noch ein gemütliches weiteres Stündchen Wanderung bergab zu einer Flussgabelung, an der wir die kommende Nacht verbringen wollten!

Allerdings: Pustekuchen! Bergab ging es! Und wie! Stundenlang! Und dann noch weiter! Irgendwann kam der Fluss in Sicht. Endlich! Tief unten! Nochmal eine Stunde weiter lag er immer noch tief unter uns... Als wir irgendwann dann doch noch an unserem Zeltplatz ankamen, qualmten unsere Füße, dass man es vermutlich bis hoch auf den Feathertop sehen konnten!

Außer uns hatten nur drei weitere Wanderer denselben Weg genommen. Sie waren uns schon den ganzen Tag über immer wieder über den Weg gelaufen und wir hatten bei jeder Rast ein bisschen geschnackt. Auch sie hatten den Weg völlig unterschätzt und hatten sich zwecks Schmerzlinderung bereits schlichtweg im Fluss versenkt...

Nachdem wir halbwegs durchgeschnauft hatten, war Zeit unseren Nachtplatz zu bewundern: ein Flüsschen im Busch mit Kiesbänken zum Zelten und das ganz allein für uns! Unsere drei Mitwanderer schlugen ihre Zelte etwas weiter flussabwärts auf, so dass Heike und ich einsame Wildcampingromantik pur hatten!

 

Am nächsten Morgen folgerichtig das ultimativ süße Klischeefoto: meine Heike in den ersten Strahlen der Morgensonne, die durch die Baumkronen brechen, mit einem Becher Kaffee in der Hand und noch ein wenig fröstelnd auf einem umgefallenen Baumstamm am Fluss kauernd. Besser geht’s nicht!

So saßen wir dann da und zwar für einige Stunden! Einer unserer Mitwanderer hatte sich zu uns gesellt und da galt es die Lebensgeschichten gegenseitig auszutauschen. Eilig loszukommen hatte es nach dem gestrigen Gewaltmarsch keiner von uns und bis zu unserem Auto in Harrietville waren es eh nur noch wenige Kilometer.

 

Auf dem Rückweg nach Melbourne legten wir einen kurzen Stopp in Bright ein und dann einen längeren in unserem geliebten Wangaratta: DOMINO Pizza zur Stärkung, damit wir es dann auch am Dienstag wieder zur Arbeit schafften...

Sea to Summit-Gear
Sea to Summit-Gear

Teil 2: Mount Bogong

 

Exkurs „Sea to Summit“

Beginnen wir den zweiten Teil unseres Artikels mit einem kleinen Exkurs und zwar über Heikes Lieblings-Outdoor-Marke „Sea to Summit“. Gegründet wurde die Marke von Australiens Mountaneering-Ikone Tim Macartney-Snape und ihr Name geht zurück auf eine unglaubliche Expedition aus dem Jahre 1990. Vom Örtchen Ganga Sagar an der Bay of Bengal machte sich Tim damals auf den Weg, um als erster Mensch den Everest von Meereshöhe aus zu besteigen. Gut drei Monate später hatte er es tatsächlich geschafft und stand auf dem mit 8848 m der höchste Gipfel der Erde! Sea to Summit!

 

 

Wir haben jetzt etwas ganz Ähnliches gemacht nämlich Sea to Summit Victoria. Bei unserer Variante ging es in St. Kilda an der Port Phillip Bay und somit also auch auf Meereshöhe los und Ziel war der höchste Gipfel Victorias, der 1986 m hohe Mount Bogong.

OK, abgesehen davon, dass der Mount Bogong vielleicht ein wenig niedriger ist als der Everest und um einiges näher am Meer liegt, gibt es vielleicht noch den ein oder anderen kleinen Unterschied zu Tims Expedition. Beispielsweise haben wir die ersten 380 km mit dem Auto und nicht zu Fuß zurückgelegt. Aber wir wollen mal nicht pingelig sein, schließlich hatten wir ja auch nur vier Tage und nicht drei Monate für unsere Expedition Zeit. ;-)

Morgenstimmung um den Mount Bogong
Morgenstimmung um den Mount Bogong

Nur zwei Wochen nach unserer legendären Besteigung des Feathertop machten wir uns also wieder auf Richtung Alpine National Park. Ostern stand vor der Tür! Letztes Jahr hatten wir die Feiertage genutzt, um im Great Otway National Park die Küste entlang zu wandern (siehe Great Ocean Walk), dieses Jahr sollte es auf Victorias höchsten Berg gehen.

Obwohl wir uns wie erwähnt von St. Kilda und nicht von Craigieburn aus auf den Weg machten, ging es diesmal ohne Übernachtung in Wangaratta in einem Rutsch durch zum Alpine National Park. Naja, fast. Cappuccino und Frühstückskuchen in Seymour waren schon noch drin, denn wer ein so waghalsiges Abenteuer plant, der sollte es mal besser nicht übertreiben und schön ruhig angehen lassen! ;-)

Folgerichtig kam uns, als wir schließlich einige Stunden später die Wanderstiefel geschnürt und die Rücksäcke geschultert hatten, die Ehre des so ziemlich letzten Eintrags des Ostersamstages in das Wanderbuch für die Mount Bogong-Region zuteil.

 

Schon nach einer knappen Stunde hatten wir eines über die Bogong-Region gelernt: hier hält man sich nicht großartig mit Serpentinen auf, sondern man nimmt gleich die Direttissima! Selbst im Vergleich zum Himalaya, wo es meist gemäßigt auf und ab geht, erscheinen die australischen Berge dadurch erstaunlich steil, zumindest die Flanken, nicht unbedingt die Gipfelregion (siehe Exkurs Altiplano).

 

Am ersten Tag erreichten wir den Gipfel des Bogong nicht ganz - bloß kein Stress aufkommen lassen und lieber die Gelegenheiten nutzen, die sich einem bieten! Beispielsweise einen Sattel kurz unter dem Gipfel von Victorias höchstem Berg und außer uns kein Mensch weit und breit!

Wir hatten uns keinen Augenblick zu früh entschlossen, unser Nachtlager aufzuschlagen, denn noch bevor das Zelt ganz stand, färbte die untergehende Sonne das Land bereits blutrot. Zurückgelehnt auf unsere Ellenbogen (natürlich nachdem wir jede Menge Fotos geschossen hatten) beobachten wir, wie sich die Farben änderten, und, nachdem das letzte Glühen der Sonne endgültig verschwunden war, das Flackern der Lichter unten im Tal. Bei einer heißen Tasse Schokolade mit Rum begann sich dann der Mond riesengroß über den gegenüberliegenden Berggrat zu schieben und zwischen den vorbeiziehenden Wolkenfetzen glitzerten die Sterne...

 

Am nächsten Morgen der letzte Anstieg hinauf zum, zum, zum, äh, naja... Gipfel kann man das, was da vor uns lag, nicht wirklich nennen. Was sich da vor uns erstreckte, lässt sich vielmehr als das Altiplano Victorias beschrieben. Hätte nicht irgendjemand netterweise an entsprechender Stelle einen Haufen Steine aufgetürmt, wir hätten keinen Schimmer gehabt, welcher Punkt sich denn jetzt vielleicht majestätische 25 cm aus dem Umland erhebt und sich selbstbewusst höchster Gipfel Victorias nennt!

Das Altiplano Victorias
Das Altiplano Victorias

Exkurs „Altiplano“

An dieser Stelle ein kurzer zweiter Exkurs über das Altiplano, unsere absolute Lieblings-Region (allerdings von Patagonien und der Atacama schwer bedrängt) auf unserem absoluten Lieblings-Reisekontinent Südamerika (allerdings holt Asien da gerade merklich auf). Wie auch immer, das Altiplano ist einfach wunderbar, großartig, unglaublich, einmalig und nicht von dieser Welt! Ein gigantisches Hochland, das sich in den Anden auf knapp 4000 m Höhe von Peru über Bolivien bis nach Argentinien und Chile erstreckt. Dekoriert mit unglaublichen Vulkanen, Lagunen, dem Salar de Uyuni und natürlich dem Titicacasee. Wer Steine, Farben und raue Landschaften mag, der muss mal ins Altiplano!

  

 

Wir also auf dem vielleicht etwas weniger beeindruckenden aber trotzdem wunderschönen Altiplano Victorias mit Blick bis hinüber nach New South Wales und zum Mount Kosciuszko. Wer braucht da schon einen Berggipfel! Beim Quatschen mit den anderen Wanderern erfährt man Interessantes, z.B. dass die Gegend im Winter hervorragend für Skitouren geeignet ist, und Amüsantes, nämlich, dass wenn ein Australier genau einen Satz Deutsch kann, dies oftmals nicht unbedingt ein überlebenswichtiger Satz ist, sondern meist eher eine Stilblüte à la „Ich glaub mein Schwein pfeift!“.

 

Rechtzeitig zur Mittagspause erreichten wir die Cleve Cole Hut, die mit sonnigen Wiesen zwischen Eukalypten lockte. Leicht schweren Herzens widerstand ich der Versuchung hier unser Nachtlager aufzubauen. Heike drängte und wir brachen nach ein paar Crackern und Müsliriegeln wieder auf, schließlich hatten wir uns einiges an Weg vorgenommen. Hinunter ging es vom Altiplano Richtung Big River und plötzlich war es wieder steil. Dass wir uns nicht anseilen mussten, war auch schon alles... ;-)

Den entgegenkommenden Aufsteigern stand die Anstrengung ins Gesicht geschrieben und mehr als einmal brachten wir es nicht übers Herz, mit der vollen Wahrheit herauszurücken, und beantworteten verzweifelte Fragen nach der Länge des restlichen Anstieges mit einem unverbindlichen „Ist nicht mehr sooo weit...“.

Nach einigen Stunden Abstieg erreichten wir den Big River. Da er nicht allzu viel Wasser führte schauten einige Steine aus dem Wasser und andere waren nur ein oder zwei Zentimeter unter der Oberfläche. Da könnte man doch vielleicht so rüber balancieren...?

 

Tja, früher dachte ich immer, dass nur Idioten beim Wandern in einen Fluss fallen. Jetzt weiß ich, dass tatsächlich nur Idioten beim Wandern in einen Fluss fallen! Der Stein knapp unter der Wasseroberfläche, wer hätte es gedacht, war tatsächlich glitschig und ein verrutschender 18 kg-Rucksack, auch das erstaunlich, ist tatsächlich nicht hilfreich, wenn man gerade das Gleichgewicht verliert... Keine Sekunde später lag ich auch schon drin, mit Smartphone in der Tasche und allem Drum und Dran!

Was soll’s, jede Erfahrung macht einen reicher, mein Smartphone hatte es überlebt und nach einigem Suchen fand ich auch meinen Wanderstock und meine Wasserflasche 50 m weiter flussabwärts wieder. Die Sonne schien und das Schmatzen der Wanderschuhe wurde nach einer guten halben Stunde Laufen zusehends weniger. Allerdings, genauso steil wie es auf der einen Seite bergab ging, ging es nun auf der anderen Seite auch wieder bergauf und die zusätzlichen 5 kg Wasser im Wassersack an meinem Rucksack, wir waren uns nämlich nicht so sicher ob wir es noch bis zur Hütte und zur nächsten Wasserquelle schaffen würden, taten ihr übriges.

Entsprechend waren (meine) Moral und Kondition, als wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit doch noch die Hütte erreichten, auf einem kurzzeitigen Tiefpunkt... Jedoch, mit einer warmen Mahlzeit im Bauch und einer Einladung ans Lagerfeuer von unseren Zeltnachbarn war die Welt kurz darauf auch schon wieder in Ordnung.

 

Schuhe und Socken waren über Nacht natürlich nicht getrocknet und die Füße in kalte, feuchte und nicht ganz wohlriechende Wolle zu schieben, wird definitiv nicht meine Lieblingsbeschäftigung. Ein früher Aufbruch scheiterte diesmal (irgendeinen Grund finden wir eigentlich immer) an einem ausgiebigen Guten Morgen-Schnack mit den Leuten, die wir am Lagerfeuer kennengelernt hatten, und danach mit andern Leuten, wo am Vorabend sie Zieht gefehlt hatte, sie auch noch kennenzulernen.

 

Den Vormittag über wanderten wir durchs Altiplano. Zu Heikes einigermaßenen Irritation sprangen ihr ständig beeindruckend große Wolfspinnen vor die Füße und glitzerten sie böse an. Zum Mittag hin begann wieder der Abstieg, wir waren auf einer Schleife unterwegs und es galt erneut, aber an anderer Stelle, den Big River zu überqueren. Manchmal (allerdings nicht häufig - fragt Heike) werde ich aus Fehlern ja klug, zog mir also diesmal gleich die Schuhe aus, tastete mich vorsichtig und barfuß durchs eiskalte Wasser und brachte erst meinen und dann Heikes Rucksack sicher ans andere Ufer.

Das aber schien dem Big River, der es eindeutig auf mich abgesehen hatte, nicht zu passen. Als ich den Fluss ein drittes Mal durchqueren wollte, um Heike zu helfen über die Steine trockenen Fußes ans andere Ufer zu gelangen, hetzte er mir eine Wespe auf den Hals, die mir in den Fuß stach! Wie man’s macht, macht man’s falsch! Gute Freunde werden der Big River und ich wohl nicht mehr...

 

Auf der anderen Seite des Big River, wie könnte es anders sein, ging es wieder bergauf. Stundenlang und wunderschön. Im Vergleich zum Vortag trafen wir kaum auf andere Wanderer. Teilweise ein etwas beschwerlicher Weg denn dutzende Baumstämme, die nach einem Buschfeuer vor vielen Jahren nie weggeräumt worden waren, mussten wahlweise überstiegen oder unterkrabbelt werden.

Unser Zelt schlugen wir schließlich eine halbe Stunde vor dem Gipfel von Mount Bogong und etwa 20 Minuten entfernt von der einzigen Wasserquelle auf dem Altiplano auf. Der Abend war sternenklar, aber so windig, dass wir Probleme hatten unseren Kocher anzubekommen. Entsprechend kuschelten wir uns zum Abendessen in unser Zelt und es gab sogar noch ein paar Ostereier zum Nachtisch, die ein Heike-Hase über Stock und Stein geschleppt hatte!

 

Überraschung am nächsten Morgen: wir wachten mitten in einer Wolke auf! Die Nacht über war es zwar stürmisch gewesen, aber damit hatten wir nicht gerechnet. Das Abbauen des Zeltes war ein kleines Kunststück und erforderte akribische Planung, da alles, was man nicht mindestens mit einem 10 kg Gewicht beschwerte, in extremer Gefahr war schlichtweg weggeblasen zu werden. Die Sichtweite lag bei vielleicht 15 m, wenn überhaupt. Die Tage zuvor hatte ich mich noch gefragt, ob die Warnschilder am Beginn der Wanderung, dass die Navigation auf dem Berg schwierig sein kann und man einen Kompass mitnehmen solle, nicht völlig übertrieben waren. Doch jetzt ohne Sicht sah es auf der Hochebene plötzlich in allen Richtungen genau gleich aus.

Wir hatten jedoch eine ziemlich gute Vorstellung in welcher Richtung der Gipfelsteinhaufen lag und nach etwa fünfzehn Minuten stießen wir auch auf den Trampelpfad, der uns genau zum selbigen führte. Dort angekommen schossen wir nur ein paar schnelle Selfies und liefen dann fix weiter, es war schlichtweg zu ungemütlich.

Mit jedem Meter abwärts wurde das Wetter besser! Auf halber Höhe hatten wir wieder Sonnenschein und legten eine letzte lange Rast ein, bevor wir uns zum Endspurt Richtung Auto aufmachten...

 

Der Rückweg wurde nur vom obligatorischen Stopp in Wangaratta unterbrochen. Die DOMINO-Pizza bestellten wir diesmal, ganz 21st-Century-Style, bereits online vom Smartphone aus, um ein paar wertvolle Minuten zu sparen. Schließlich lag bis nach Melbourne noch ein ganzes Stück Weg vor uns und zumindest Summit to Sea Victoria, das wollten wir dann doch in einem Tag schaffen...

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Kommentare: 1
  • #1

    Ingeborg / Mama (Sonntag, 29 Mai 2016 10:59)


    Zwei tolle Touren!!
    Die Fotos vom sunset sind unglaublich!!